Psychotherapie in virtuellen Welten und in den Körpern von Fabelwesen? Welche Möglichkeiten virtuelle Realitäten (VR) und andere Technologien heute schon bieten

Psychotherapie in virtuellen Welten und in den Körpern von Fabelwesen? Welche Möglichkeiten virtuelle Realitäten (VR) und andere Technologien heute schon bieten

Vielen Menschen sind die rasanten Entwicklungen in der Therapie, Methoden wie VR (virtuelle Realität) und visual embodiment (deutsch: visuelle Verkörperung) suspekt. Anderen ist nicht klar, wie sie eingesetzt werden oder welche Störungen und Symptome sich damit überhaupt behandeln lassen. Dann gibt es wiederum bereits große Fans der neuen Technologien. Eins steht jedenfalls fest: es ist wichtig, die sich daraus ergebenden Chancen der Genesung und Symptom-Linderung zu verstehen, gerade auch, um Angst vor den technischen Entwicklungen und der Modernisierung der Therapie abzubauen.

Wie wäre es, wenn du in eine virtuelle Realität eintauchst? Sagen wir du sitzt auf einer Veranda und schaust auf eine Flusslandschaft. Vor dir sitzt deine Tante, deren Rat und Lebensweisheiten du schon immer geschätzt hast. Du schilderst ihr ein Problem, welches du schon länger mit dir herumträgst. Dann drückst du einen Knopf und schwups tauscht ihr die Körper. Nun bist du deine Tante und hörst dir selbst dabei zu, wie du das Problem beschreibst. Aber du hörst nicht nur zu und bekommst eine andere Perspektive auf dein Problem, auch gibst du dir selbst, aus der Sicht deiner Tante, einen Rat. Kaum hast du den Satz zu Ende gesprochen – ein Knopfdruck und du bist wieder in deinem eigenen Körper und lauschst dem Rat, den du dir quasi selbst, über die virtuelle Person deiner Tante, gegeben hast. So kann es unendlich oft weitergehen, oder zumindest so lange, bis du zu einer zufriedenstellenden Lösung für dein Problem gekommen bist.
Das klingt wild, ist mit der „virtuellen Verkörperung“ aber bereits möglich. Es wird sogar argumentiert, dass du allein mit dieser Technik an Persönlichkeitsanteile herankommst, die dir oder einer anderen Person, z.B. einer Therapeutin, sonst nicht zugänglich sind.   Wichtig dabei ist es jedoch, sich selbst wirklich als eine andere Person zu betrachten – ansonsten distanzierst du dich selbst nicht genug von deinem Problem. Der Perspektivwechsel verändert dein Urteil über dein eigenes Problem fundamental. Menschen tendieren nämlich dazu, einer ratsuchenden Person, und das bist in dem Fall du selbst, einen hilfreichen Hinweis zu geben. Dies steht komplementär zu den oft abwertenden Urteilen, die wir unseren Problemen gedanklich selbst geben.

Die Unterschiede zwischen VR und virtual embodiment

– Mit virtueller Realität oder kurz VR ist eine computergenerierte Wirklichkeit gemeint. Auf einer VR-Brille werden auf hochauflösenden Bildschirmen Bilder einer künstlichen Welt gezeigt, und das im 360° Rundumblick. Neben den Brillen gibt es noch weitere Geräte, wie etwa Datenhandschuhe, welche sensuelle Interaktionen mit der visuellen Welt ermöglichen.
Virtuell embodiment (virtuelle Verkörperung) kann entweder die Wahrnehmung des eigenen Körpers fundamental verändern oder den Kopf so stark austricksen, dass du dich in einem anderen Körper wiederfindest, z.B. in dem eines Kindes, deines Onkels oder sogar eines Raumfahrers. Wichtig dabei ist, dass die Illusion so detailliert und genau und vor allem synchron ist, dass das Gehirn sie nicht enttarnen kann. Visuelle Verkörperung wird immer zusammen mit VR verwendet. Der Unterschied, das Aneignen eines fremden Körpers, geschieht hier über eine re-embodiment Phase, in der du Schritt für Schritt in den neuen Körper hineingeführt wirst. Letztendlich beruht das Ganze aber natürlich auf einer Illusion: Wir alle besitzen mentale Repräsentation, quasi Bilder unseres Körpers, im Kopf. Diese stimmen nicht immer mit der Realität über ein, was z.B. bei Phantomschmerzen der Fall ist. Dies sind Scherzen, die an einem nicht mehr vorhandenen Körperteil entstehen, da dieses Körperteil in der mentalen Repräsentation des Körpers noch vorhanden ist. Unsere mentalen Körpermodelle sind nicht so stabil, wie wir oft glauben und können, z.B. im Rahmen der visuellen Verkörperung, ausgetrickst werden.

VR möchte dich also überzeugen, dass du an einem anderen Ort bist, z.B. in einer Wüste oder auf dem Mond. Virtuelle Verkörperung will dich hingegen davon überzeugen, dass du in einem anderen Körper bist.

VR nicht nur im Gaming, sondern auch therapeutisch im Einsatz     
VR-Therapien sind für die Behandlung von bestimmten Störungsbildern bereits gut bestätigt. Im Rahmen der Kognitiven Verhaltenstherapie kann die VR-Therapie beispielsweise eingesetzt werden, um Paranoia und Angst bei Menschen mit einer Schizophrenie zu reduzieren. Gerade Paranoia ist ein Symptom, das viele Menschen mit psychotischen Zuständen teilen und das bisher meist ausschließlich mit Medikamenten behandelt wird. Paranoia kann z.B. durch den Gedanken zum Ausdruck kommen, von anderen Menschen verfolgt zu werden. Allgemein ist ein Bedrohungserleben häufig. Die Paranoia führt bei Menschen mit einer Schizophrenie oft dazu, dass diese nur ungern raus und unter andere Menschen gehen. Hier setzt die VR-Therapie an. In der virtuellen Realität kann z.B. die soziale Teilhabe trainiert werden und Betroffene so Schritt für Schritt wieder an soziale Situationen herangeführt. Die Vorteile dabei sind, dass die Therapeut*innen soziale Situationen nach Bedarf modulieren, aber auch frühzeitig beenden können. So können Betroffenen Gedanken, welche in sozialen Szenarien zu Paranoia führen könnten, Schritt für Schritt entlarven. Forschungsergebnisse haben bestätigt, dass VR-Brillen, werden sie mit anderen therapeutischen Mitteln, wie z.B. Medikamenten kombiniert, signifikant dazu beitragen, soziale Ängste und Paranoia bei Menschen mit einer Schizophrenie zu reduzieren. In der Zukunft wäre weiter interessant, ob sich die Medikamenteneinnahme durch den Einsatz von VR Technologien ganz vermeiden ließe, und unter welchen Bedingungen dies geschehen könnte.

Auch im Rahmen der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) kommen VR-Brillen bereits zum Einsatz. Die Konfrontation mit dem Trauma spielt bei der Behandlung eine wichtige Rolle. Trauma können hier mithilfe von multisensorischen und kontextrelevanten Auslösern simuliert werden, was die Betroffenen sonst anhand von mentalen Bildern vornehmen. So wird das Wiedererleben und die aktive Verarbeitung des Traumas jedoch intensiver und erste Forschungsergebnisse zeigen langanhaltende positive Effekte: bei bis zu 80% der Betroffenen zeigte sich durch die VR-Anwendung ein deutlicher Rückgang in Depressions- und Angstsymptomatik sowie der klassischen Anzeichen der PTSB, wie beispielsweise Flashbacks (Intrusionen).

Im Rahmen der klassischen Angst und Phobien Behandlung bietet die VR-Therapie gegenüber der herkömmlichen Expositionstherapie, bei welcher Betroffene in sensu  (in der Vorstellung) oder in vivo (durch das reale Erleben) mit den angstauslösenden Situationen oder Objekten konfrontiert werden, eine mildere Herangehensweise. Über Knopfdruck kann in der VR z.B. die Anzahl der Spinnen erhöht oder reduziert werden. Auch lassen sich hier Szenarien nachbauen, welche in vivo nicht oder nur schwer durchführbar wären, z.B. eine Flugreise bei Menschen mit Flugangst.

In der Suchttherapie können mit der VR-Therapie Situationen trainiert werden, die normalerweise das Verlangen nach Drogen auslösen. Bei Alkoholiker*innen z.B. ein Besuch in der Stammkneipe zusammen mit dem Auftrag, statt einem Bier eine Cola zu bestellen. Bei Raucher*innen das Warten auf den Bus, ohne sich eine Zigarette anzuzünden.

Ein anderes Forschungsteam fand heraus, dass sich selbstkritisches Verhalten bei Depressionen durch VR-Therapien reduzieren ließ. Dabei therapierten sich die Betroffenen durch einen Avatar, wie in dem Anfangsbeispiel, quasi selbst.

Auch (chronische) Schmerzen können durch die Ablenkung der Wahrnehmung einer völlig anderen Realität, wie z.B. einer Schneelandschaft, deutlich verringert werden. Das Verfahren kommt z.B. bei der schmerzhaften Prozedur des Verbandwechsels bei Verbrennungswunden zum Einsatz. Es verringert Schmerzen nachweislich um bis zu 50%, ein ähnlicher Effekt wie bei Morphiumvergabe.

VR-Therapie lassen sich demnach bereits vielseitig und für die unterschiedlichsten Störungsbilder einsetzen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass VR bei der Behandlung von Angststörungen, Schizophrenie und Paranoia ein feiner abgestimmtes Vorgehen im Vergleich zur klassischen Expositionstherapie bieten, welche von Therapeut*innen nicht so einfach moduliert und beeinflusst werden kann.
Virtual embodiment in der praktischen Anwendung und Therapie
Auch für die virtuelle Verkörperung gibt es bereits spannende Einsatzmöglichkeiten. Durch virtuelle Köper lassen sich bedeutungsvolle und lehrreiche Perspektivwechsel schaffen. Probanden fanden sich z.B. im Körper eines kleinen Kindes wieder, welches von der Mutter ständig ermahnt wurde, das Zimmer aufzuräumen. Die Probanden erlebten nun am eigenen Leib, wie überproportional und furchterregend eine ausgewachsene, Drohungen aussprechende Person sein kann. Diese Erfahrung wirkte sich anschließend positiv auf einen respektvolleren Umgang mit dem eigenen oder anderen Kind aus.

In einer anderen Studie wurden Probanden in Köper bestimmter diskriminierter Minoritäten aus ihrer Nachbarschaft gesteckt. Anschließend machten sie einen Test, der unterbewussten Rassismus gegenüber genau dieser Minderheit maß. Die Ergebnisse waren beeindruckend, der Rückgang der Rassismuswerte erwies sich darüber hinaus für längere Zeit als stabil.

Auch soziale Kompetenzen können mit der virtuellen Verkörperung trainiert werden. Wie wäre es, wenn du im Körper eines oder einer berühmten Schauspieler*in eine Rede halten würdest? Wird genau das in der VR mit der Verkörperung einer von dir ausgesuchten Person geübt, so lässt sich die hier gesammelte positive Erfahrung auf eine Lebenssituation, in der du tatsächlich eine Rede halten musst, übertragen. Das gute Gefühl nimmst du quasi aus der VR und dem virtuellen Körper mit in deine eigentliche Lebensrealität.

Musiker*innen, Mediziner*innen und viele mehr trainieren so schon virtuell, um in der realen Welt fit zu sein. Dieses Training lässt sich aber, wie beschreiben, genauso gut für psychische Beeinträchtigungen nutzen.

 

Virtuelle Verkörperung oder einfaches Video?
Damit das Gehirn wirklich glaubt, sich in einem anderen Körper zu befinden oder in einer Wüste zu sein, reichen einfache Display Simulationen nicht aus. Es gibt daher gravierende Unterschiede, vor allem in der Immersion, dem Hinziehen in eine andere Welt oder Körper, durch VR und virtuelle Verkörperung, im Vergleich zu Videos über einen gewöhnlichen TV-Bildschirm, oder Techniken wie dem Adressieren von einem Brief an dich selbst. Diese Techniken besitzen ebenso gute Effekte, nur bieten die neuen Technologien hier nochmals erweiterte Möglichkeiten. Die Technik der visuellen Verkörperung scheint z.B. einfach unter der Bewusstseinsgrenze durchzuschlüpfen, sodass dir die Illusion nicht auffällt und du dich tatsächlich in einem anderen Körper wiederzufinde glaubst.

Bisher sind VR und virtuelle Verkörperung in der Therapie in Deutschland weniger gängig. Schuld daran ist oft die bisherige Praxisuntauglichkeit, welche aufgrund der hohen Standards von therapeutischen Settings entsteht. Technische Schwierigkeiten wie die Abweichung von Kopfbewegung und den darstellten Bewegung auf dem Display, können außerdem zu Kopfschmerzen und Übelkeit führen.  Diese Probleme werden in der Zukunft jedoch behoben werden, da viele Unternehmen an markttauglicheren VR-Brillen arbeiten. Ein weiterer Vorteil der VR und der virtuellen Verkörperung ist, dass der Ansatz mehr an Gaming erinnert, und sich so die Akzeptanzschwelle erhöht und Menschen einen Bezugspunkt bietet, die einer Therapie sonst eher kritisch gegenüberstehen.

Wenn du eine VR-Therapie oder die virtuelle Verkörperung ausprobieren möchtest, hast du die besten Chancen an Universitäten oder Forschungseinrichtungen. Außerdem stehen die Aussichten gut, dass die neuen Technologien nach und nach auch in kleinere therapeutische Settings Einzug finden.

Mehr über virtuelle Realitäten kannst du dir unter diesem Link ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=uQ8TwDn-p1g&amp=&t=210s

Referenzen
– Rizzo A et al (2011). Virtual reality goes to war: a brief review of the future of military behavioral healthcare. Journal of Clinical Psychology in Medical Settings; DOI 10.1007/s10880-011-9247-2 (http://www.springerlink.com/content/03533254r5q65p86/)2. Special issue, June 2011 “Strengthening Our Soldiers (SOS) and Their Families: Contemporary Psychological Advances Applied to Wartime Problems.        
– VIRTUAL-REALITY THERAPY, HUNTER G. HOFFMAN, Scientific American, Vol. 291, No. 2 August 2004, pp59-69  

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/89187/Verhaltenstherapie-in-virtueller-Realitaet-kann-Paranoia-und-Angst-reduzieren

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