Aus Krisen wachsen – wie genesene Psychiatriepatient*innen zu einer wahren Hilfe für Menschen in Not werden

Aus Krisen wachsen – wie genesene Psychiatriepatient*innen zu einer wahren Hilfe für Menschen in Not werden

„Jemand der Erfahrung hat, eigene Erfahrung, hat gefehlt. Eine Person, die gesagt hätte, dass Krisen endlich sind.“
(Worte einer ehemaligen Psychiatriebetroffenen, die mittlerweile als EX-INlerin über die Charité in Berlin aktiv Menschen in psychischen Krisen unterstützt)      

Der Psychiatrie Erfahrung und dem daraus stammenden Wissen betroffener Personen wurde lange Zeit kaum Bedeutung beigemessen. Ihre Wahrnehmung von Erkrankung, Therapie und Heilung hielten Fachkräfte oft für wenig relevant. Dies ändert sich nun.
Langsam aber deutlich wächst die Einsicht, dass Psychiatriebetroffene sowohl das Verständnis von psychischen Störungen maßgeblich erweitern, die Leistungen des psychiatrischen und sozialen Dienstes verbessern und zur Genesung von akut Betroffenen entscheidend beitragen können. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde mit dem „EX-IN“ Ansatz (Experienced Involvement, dt. = Beteiligung von Erfahrenen) getan.

Der EX-IN Ansatz beinhaltet eine Ausbildung für Menschen mit Psychiatrieerfahrung, mit der diese später professionell in psychiatrische und soziale Versorgungsleistungen eingebunden werden können. Langfristig zielt das EX-IN Konzept darauf ab, das Verhältnis zwischen Einrichtungen, Betroffenen und Fachkräften zu verbessern. Psychiatrie-Erfahrene sollen dabei aktiv Teil des Genesungsprozesses von Erkrankten werden als auch einen Beitrag zur Verbesserung des psychiatrischen Systems leisten.

Wie es zu der Beteiligung von Psychiatrieerfahrenen kam
Erst in den frühen 70er Jahren begann Kritik an den Missständen der psychiatrischen Landschaft, welche Patient*innen vor allem als passiv wahrnahm.
Es begann der Ausbau von ambulanter Versorgung und es kam zur Ermächtigung der Patient*innen durch Selbsthilfevereinen und Betroffenengruppen. Ende der 80er Jahre wurde bspw. das Psychoseminar gegründet, welches erstmals einen Trialog zwischen Angehörigen, Psychiatrieerfahrenen und Fachkräften förderte. Dabei ging es vor allem um die Zurückgewinnung von Stärke und Einfluss betroffener Menschen auf ihr eigenes Leben. Die Professionalisierung von Erfahrenen geht auf die Idee zurück, dass sich diese von der defizitären Wertung hin zu einer selbstbestimmten Ressource entwickeln sollen. Sie tragen somit einen entscheidenden Beitrag zur Modernisierung und Verbesserung der psychiatrischen Versorgung bei.
„Ein Experte durch Erfahrung in der Gesundheitsversorgung ist jemand, der aktiv Erfahrung mit Krankheit, Behinderung und/oder psychischen Problemen hat und der spezifische Fähigkeiten erworben hat, damit zu leben und mit den soziokulturellen und institutionellen Kontexten, in dem die Krankheit, die Behinderung und/oder die psychischen Probleme bedeutsam werden, umzugehen“ (Haaster/Koster 2005 zitiert nach Utschakowski, 2013a).
Utschakowski, der für den Ausbau der Ausbildung in Deutschland mit verantwortlich war, betont die Relevanz des guten Umgangs mit der eigenen Krankengeschichte, damit diese als Ressource eingesetzt werden kann. Ehemalig Erkrankte sollen sich zur eigenen Erkrankung bekennen, um die akut Betroffenen auch im Hinblick auf die eigene Akzeptanz an die Hand zu nehmen. Außerdem soll gemeinsam Stigmatisierung entgegengewirkt werden. Die Einbindung von Psychiatrie-und Erkrankungserfahrenen wird auch als „Peer-to-Peer“ bezeichnet und ist besonders stark in England zu finden.

Die EX-IN Ausbildung – das Kernstück des Programms
Mit der EX-IN Ausbildung erhalten Psychiatrieerfahrene eine strukturierte, fachspezifische Ausbildung sowie einen anerkannten Status. Nach der Ausbildung können sie, gegen eine angemessene Entlohnung, professionell in psychiatrischen und sozialen Bereichen eingesetzt werden. Ziel des landesübergreifenden Ausbildungskonzeptes ist es, durch Menschen, die selbst schwere psychische Krisen überwunden haben, anderen ein persönliches Vorbild, neue Hoffnung auf Genesung und mehr Eigenverantwortung vermitteln zu können. Auch soll durch das Programm eine größere Aufmerksamkeit auf die Thematik und eine Statusverbesserung der Betroffenen erreicht werden. Zu den obersten Prinzipien zählen Austausch und Selbstbestimmung.

Die Ausbildung wird heute deutschlandweit angeboten. Dabei müssen 300 Unterrichtsstunden, eine Portfolio-Arbeit sowie 2 Praktika im Feld absolviert werden. Im Grundkurs wird vor allem die Fähigkeit zur Reflexion, im Aufbaukurs die Fähigkeit zum Perspektivwechsel erlernt und erweitert. Dozenten sind entweder Professionelle oder Psychiatrieerfahrene. Die Ausbildung beinhaltet Module wie: Genesung/Wiedererstarken, Trialog, Gesundheitsfördernden Haltungen (Salutogenese),Selbsterforschung, Fürsprache, ganzheitliche Bestandsaufnahme (Assessment).
Ein Kernstück stellt die „Genesungsgeschichte“ (Recovery Vortrag) dar.  Dabei geht es darum, die eigene Geschichte nicht anhand der Defizite, sondern der Schritte zu erzählen, die bei der Genesung geholfen haben. Die Fähigkeit, Worte zu finden für das, was erlebt wurde, die eigene Geschichte erzählbar zu machen, ist elementar. Durch diese Versprachlichung findet auch gleichzeitig eine Distanzierung zur eigenen Erfahrung statt. Die Ausbildung ist demnach auch mit vielen Selbsterforschungsaspekten bestückt.
Nach der Ausbildung können die Personen im psychiatrischen Dienst, Kliniken oder auch als Dozent*innen in der Fort- und Weiterbildung aktiv werden.

EX-INler*innen unterstützen akut betroffene „Klient*innen“ in verschiedenen Lebenssituationen. Die „Klient*innen“ werden stationär oder zuhause besucht, auch Entlassungen können begleitet werden. Eine EX-INlerin aus Berlin erzählt von ihrem Klienten, welchen sie nach dem stationären Aufenthalt, bei der Ankunft zu Hause, emotional unterstützen konnte. Basierend auf ihrer eigenen Erfahrung konnte sie ihm Tipps in die Hand geben, z.B. nicht wieder in negative Gedankenspiralen hineinzurutschen, welche ihr selbst nach einem Klinikaufenthalt geholfen haben. Viele Klient*innen berichten auch, dass sie schätzen, mit den emotionalen Schwierigkeiten nun Angehörige weniger beanspruchen zu müssen, die ihre Situationen oft kaum nachempfinden können.

So gut der Ansatz bisher ist, die Berliner EX-INlerin berichtet, dass das Netzwerk an EX-INler*innen und Klient*innen noch stärker ausgebaut werden sollte. Auch sollte es zu einer klaren Rollenverteilung unter EX-INler*innen und Fachkräften kommen. Außerdem findet sie, dass Klient*innen gerade außerhalb des stationären Aufenthalts noch mehr Unterstützung bekommen sollten.

Vorteile des EX-IN Konzepts und anderen Peer-to-Peer Programmen auf einen Blick:

  1. Vermittelt Hoffnung, Selbsterfahrung und einen positiven Umgang mit der Erkrankung.
  2. Direktes Rollenmodel, das einen guten Umgang mit der Erkrankung vorlebt oder von der eigenen Erfahrung ausgehend berichten kann.
  3. Menschen, die diesen Service in Anspruch nehmen, erhöhen Wahrscheinlichkeit wieder arbeiten zu können.
  4. Menschen, die den Service in Anspruch nehmen, verbesserten ihre eigene Beziehung mit sozialen und therapeutischen Einrichtungen.
  5. Studien haben gezeigt, dass EX-INler*innen und Klient*innen lernen, vorgesetzte Ziele besser verfolgen zu können.
  6. Der Service hat positive Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit, dies zeigt sich durch stärkere Hoffnung auf Genesung, weniger körperliche Schmerzen und ein besseres Verhältnis zu sich selbst und der Krankheit.

 

Allgemeine Informationen über das EX-IN Programm findest du hier: http://www.ex-in.info

Du möchtest:

  1. Selbst EX-INler*in werden – hier findest du das EX-IN Netzwerk in deiner Nähe:http://www.ex-in.info/virthos.php?/Netzwerk
    Die nächsten Ausbildungsmöglichkeiten findest du hier: http://www.ex-in.info/virthos.php?/Fortbildungen/EX-IN%20Kurse
  2. möchtest Unterstützung durch eine/n EX-INler*in bekommen – kontaktiere das EX-IN Netzwerk in deiner Nähe: http://www.ex-in.info/virthos.php?/Netzwerk

 

Quellen
Hansens, Andreas (2010): Gemeindepsychiatrie und Soziale Arbeit. In: Otto, H.-U./ Thiersch, H. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. 4., völlig neu überarbeitete Auflage. S.464-468., München: Rheinhardt

Janke, Bettina (2012): Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen. Mit EX-IN zum Genesungsbegleiter. Neumünster: Parnass Verlag der Brücke Neumünster hGmbH

Knuf, Andreas (2013): Recovery, Empowerment und Peer-Arbeit. In: Bock, Thomas, Sielaff,

Utschakowski, Jörg (2013a): Peer-Support: Gründe, Wirkungen, Ambitionen. In: Bock, Thomas; Sielaff, Gyöngyvér; Utschakowski, Jörg (Hrsg.): Vom Erfahrenen zum Experten. Wie Peers die Psychiatrie. S.14-21. 5. Aufl. Köln: Psychiatrie-Verlag, 2013

 

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