Die therapeutische Kraft von Geschichten – ein Blick auf die Narrative Therapie

Die therapeutische Kraft von Geschichten – ein Blick auf die Narrative Therapie

Gute Nachrichten für Geschichtenliebhaber_innen. Narrative, also Geschichten und Erzählungen, sind elementar für die psychische Gesundheit und können auch einen wichtigen Standpfeiler in der Therapie darstellen. Eine aktuelle Studie hilft nun dabei, die Wirkeffekte auch auf neurologischer Ebene besser zu verstehen: Bestimmten Areale im Gehirn, die unter dem Namen Default Mode Network (DMN) zusammenfasst werden, spielen für die Verarbeitung unserer Lebensnarrative eine wichtige Rolle. Das DMN ist auch die Region, die mit Tagträumen und kreativen Ideen in Verbindung gebracht wird.

Geschichten spielen eine entscheidende Rolle darin, wie wir uns selbst und die Welt um uns begreifen. Sie helfen uns dabei, uns als Teil einer Welt zu verstehen, die größer ist als wir selbst und unsere Probleme.
Wenn Probleme in umfassenderen Kontexten als zu uns selbst gestellt werden, kann das z.B. dabei helfen, Ereignisse anders zu bewerten, Verzerrungen aufzudecken und Konflikte aus einer anderen Perspektive zu sehen. Narrative helfen uns also dabei Wissen zu erlangen, uns mit anderen zu verbinden, Gefühle und Erfahrungen zu teilen, aber auch, zu mehr Klarheit über uns selbst und unsere Empfindungen zu kommen. Wir verwenden Geschichten dazu, unsere Gedanken zu ordnen, Sinn zu finden und unsere Identität zu formen.

Narrative Therapie setzt genau dort an. Sie gibt uns Möglichkeit, Bedeutung in unseren Handlungen zu finden und uns damit besser zu verstehen.

Was genau ist die Narrative Therapie?

Der Ansatz wurde in den 1980er Jahren von den Neuseeländern Michael White und David Epston entwickelt.[1]  Zentral dabei ist, das Individuum von seinen Problemen zu separieren. Probleme sollen externalisiert und Skills erlernt werden, die dabei helfen, die eigene Geschichte so zu konstruieren, dass mehr Sinn aus den einzelnen Erfahrungen gezogen und damit schwierige Erlebnisse besser verarbeitet werden können.

Durch diese Art und Weise entwickelt das Individuum eine neue Perspektive auf sich selbst und das Erlebte – geht in Distanz und kann so zusammenhängende Faktoren unabhängig von der eigenen emotionalen Involviertheit ausfindig machen.

Die Therapie geht dabei davon aus, dass es deutlich einfacher ist ein Problem zu lösen, wenn dieses nicht als integraler Bestandteil des eigenen Selbst – sondern als Teil einer externen Geschichte wahrgenommen wird – ganz nach dem Motto: „The problem is the problem, the person is not the problem“ (Michael White und David Epston).

In der Narrativen Therapie geht es nicht darum, Schuldige für bestimmte Probleme zu finden. Vielmehr geht es darum eine Vielzahl von Faktoren für die entstandene Problematik ausfindig zu machen und diese in einen gemeinsamen, nicht wertenden Sinnzusammenhang zu stellen.
Ähnlich wie in der Klientenzentrierten Therapie werden die Klient_innen hier als „Expert_innen“ gedacht.

 

5 Hauptstrategien der Narrativen Therapie im Überblick        

  1. Die eigene Geschichte erzählen:
    Die Klienten dabei zu begleiten, die eigenen Geschichte zu erzählen hilft ihnen dabei, Bedeutung in Ereignissen zu finden und Schritt für Schritt die eigenen Identitäten wieder neu aufzubauen oder wohlwollender umzuformen.
    Die Technik wird auch als „Re-authoring“ oder „Re-storying“ betitelt. Die Klienten nehmen dabei Änderungen und Anpassungen in der Geschichte vor oder erzählen diese unter einer komplett anderen Perspektiven. Das gleiche Erlebnis kann auf viele unterschiedlichen Arten erzählt werden, sodass ein kohärenter Kontext entsteht, der die Person an sich mehr intakt lässt.[1]
  2. Externalisations- Technik:
    Dabei sollen die Klienten lernen die Problem als external, und nicht als Teil ihrer selbst wahrzunehmen. Die dahinterliegende Idee geht davon aus, dass es einfacher ist bestimmtes Verhalten zu ändern, als einen Charakterzug der eigenen Persönlichkeit. Eine Person, die z.B. schnell aggressiv wird, versteht sich also nicht als prinzipiell aggressive Persönlichkeit, sondern lernt, dieses Verhalten als unter bestimmen Faktoren auftretend wahrzunehmen.
  3. Dekonstruktionstechnik:
    Das Problem soll dabei in kleine, einfacher lösbare Einheiten unterteilte werden. Dabei soll vermieden werden, dass Probleme oder Verhaltensweisen über-generalisiert werden. Außerdem lassen sich die kleinen Einheiten besser mit Bedeutung verknüpften und bearbeiten. Eine Beziehungskrise lässt sich dabei z.B. aufteilen in die Erfahrung des Nicht-Verstanden-Werden, der emotionalen Isolation oder dem Wunsch nach mehr Intimität.
  4. Die „Einmaliges Resultat“ – Technik:
    Die Technik ermöglicht den Klienten den Handlungsstrang der eigenen Geschichte zu verändern. Das Ziel dabei ist eine Umformung der Perspektive, die den Klienten Bedeutung, aber auch eine positive und funktionierende Selbstidentität gibt. Niemand ist in der Narration auf eine Handlungsabfolge von Ereignissen limitiert, es gibt immer eine Reihe an möglichen Alternativen. Die Technik hilft dabei, positivere Narrative zu finden. Es geht also darum, einen anderen Fokus auf die Lebensgeschichte zu finden als der, welcher der Kern des problematischen Erlebens ist. Kritisiert wurde dabei, es würde sich um eine Vermeidungstechnik handeln, es geht aber eher darum, dass Problem aus einer anderen Perspektive zu sehen.[2] So verschiebt sich der Fokus bspw. weg von der eigenen Aggression, während eines Konflikt, hin zu einer, dieser vorausgegangenen Kommunikationsblockade, welche neues Hauptmotiv wird.
  5. Existentialismus:
    Existentialisten nehmen an, dass die Welt keine vorgegebene Bedeutung hat. Sie gehen davon aus, genau wie der Ansatz der Narrativen Therapie, dass wir die Bedeutung der Welt selbst kreieren. Narrative Therapie ermutigt Klienten Erlebnissen eine selbstbestimmte Bedeutung zu geben anstatt eine vorhandene, objektive Wahrheit anzunehmen.Wer sich gerne mit Texten von Existentialisten befasst, kann im neuen Jahr, unter Berücksichtigung der Narrativen Therapie, einmal zu Sartre, Camus oder Heidegger greifen.

Es gibt viele Arten die eigene Geschichte (neu) zu erzählen und umzudeuten. Dabei helfen könnten Tagebucheinträge, Narrative durch Skizzen und Malereien oder sogar in Form eines Tanzes oder anderer Künste zu Ausdruck zu bringen.

Anregungen, wie das Erzählen einer Geschichte, ganz gleich ob mit Therapeut_in oder sich selbst, gestaltet werden könnten, sind u.a.:
Die Geschichte mit dem Gedanken beginnen, wann der letzte Zeitpunkt war, an dem ein Problem nicht im Vordergrund stand. Von diesem Bild ausgehend darüber nachdenken, was geschehen könnte, damit es mehr zu solchen Zeiten und Momenten kommen könnte. Als nächstes darüber ins Klare kommen, welche Gefühle, Gedanken und Stimmungen in dieser Zeit vorherrschend waren. So kann diese Szene immer weiter ausgestaltet werden und den Ausgangspunkt für ein neues Selbst-Narrativ liefern. Um unseren Erlebnisse eine Bedeutung zu geben müssen wir Verbindungsstücke zwischen Gesagtem, Erlebtem, Beziehungen finden – wir müssen vorhandenen Informationen integrieren und alles in einen gemeinsamen Zusammenhang stellen.

 

Wie unser Gehirn die (Neu-)Erzählungen verarbeitet:

Ein Forscherteam an der University of Southern California hat nun die Region im Gehirn entdeckt, die mit der Interpretation und Sinngebung der eigenen Lebensgeschichte assoziiert ist. [1]
Das Forscherteam testete dabei drei Gruppen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen und Sprachen, die Geschichten in ihrer Muttersprache lasen, während ein fMRI-Scanner ihre Hirnaktivität auszeichnete.
Sie fanden dabei heraus, dass Geschichten auf neuronaler Ebene auf einer universellen Art, unabhängig von Sprache, verarbeitet werden. Zentral bei der Verarbeitung der Bedeutung von Narrativen ist nach den Erkenntnissen dieser Studie das Default-Mode-Network (DMN). Das Default-Mode-Network ist ein Netzwerk, das sich aus verschiedenen neuronalen Arealen zusammensetzt. Das Netzwerk ist dann aktiviert, wenn die Aufmerksamkeit nicht direkt auf etwas gerichtet ist, sondern vielmehr, wenn wir gedanklich abdriften, tagträumen, selbst-reflektieren oder ungeplant zu kreativen Ideen kommen.[2]

Es sind gerade diese Fähigkeiten, das Tagträumen, die Meditation und Selbst-Reflexion, die uns dabei helfen, unserem Leben und den Geschehnissen eine Bedeutung zu geben. Die Studie zeigt nun, dass das DMN der zentrale Ankerpunkt auf neuronaler Ebene ist, der diese Funktionen zusammenführt und für die heilende Kraft des Narratives verantwortlich seien könnte.

Das Forscherteam fand ferner heraus, dass die Aktivität im DMN während der Geschichtenerzählung stetig anstieg und dann ihren Höhepunkt fand, wenn sich moralische Werte, Vorstellungen oder Wendepunkte herauskristallisierten.[3]

Um die neuen Erkenntnis mit dem Ansatz der Narrativen Therapie zusammenzuführen kann abschließend festgehalten werden, dass das Einbetten unserer Erlebnisse in ein zusammenhängendes Narrativ uns nicht nur die Vergangenheit besser verarbeiten lässt, sondern uns auch auf neuronaler Ebene dabei hilft, die Welt als für uns bedeutsam zu begreifen.
Das Besondere an der Studie ist auch die Erkenntnis, dass Sinngebung über Sprache und Kultur hinausgeht und neuronal ähnlich verarbeitet wird. Es zeigt, dass das menschliche Gehirn auf Geschichten auf dieselbe Art und Weise reagiert, egal in welcher Sprache diese erzählt werden.

 

Die Implikationen dieser Studie reichen über den therapeutischen Kontext hinaus.
In der Familie helfen Kindern Geschichten, wie auch das Besprechen von Filmen und Theaterstücken dabei, Selbstbestimmung im eigenen Leben zu finden.
Narrative können auch ein Kanal trans-generationalen Lernens sein, bei dem durch zwei Geschichten aus verschiedenen Generationen eine gemeinsame Bedeutung entwickelt wird.

 

Egal ob klassisch mit Stift und Papier, am Laptop oder auf der Leinwand – es ist an der Zeit, sich endlich an die eigene Geschichte zu setzten!

 

 

Referenzen
– Bishop, W. H. (2011, May 16). Narrative therapy summy. Thoughts From a Therapist. Retrieved from http://www.thoughtsfromatherapist.com/2011/05/16/narrative-therapy-summary/
– Dehghani, M., Boghrati, R., Man, K., Hoover, J., Gimbel, S., Vaswani, A., … Kaplan, J. (2017, March 2). Decoding the Neural Representation of Story Meanings across Languages. Retrieved from  https://psyarxiv.com/qrpp3
– Dulwich Centre. What is narrative therapy? Dulwich Centre. Retrieved from http://dulwichcentre.com.au/what-is-narrative-therapy/
– Kaplan, J. T., Gimbel, S. I., Dehghani, M., Immordino-Yang, M. H., Sagae, K., Wong, J. D., . . . Damasio, A. (2016). Processing narratives concerning protected values: A cross-cultural investigation of neural correlates. Cerebral Cortex, bhv325
– Smallwood and Schooler, 2015
– Standish, K. (2013, November 28). Introduction to narrative therapy [Slideshow]. Retrieved from https://www.slideshare.net/kevins299/lecture-8-narrative-therapy

 

[1] Michael White and David Epston (1980)

[2] Standish (2013)

[3] Bishop (2011)

[4] Dehghani et al. (2017)

[5] Smallwood & Schooler (2015)

[6] Kaplan et al. (2016)

 

 

 

 

Bewerte diesen Artikel

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.