Psychotherapie von Depression: Was wirkt da eigentlich?

Psychotherapie von Depression: Was wirkt da eigentlich?

Psychotherapie hilft gegen Depressionen. Das ist bekannt und wissenschaftlich bestätigt. Doch unterscheiden sich verschiedene Therapien in den Mechanismen, die zu einer Verbesserung führen? Dieser Frage ist ein internationales Forscherteam aus den USA und den Niederlanden nachgegangen. Mit dem Ergebnis: die Wirkmechanismen scheinen ähnlich zu sein, unabhängig von der zugrundeliegenden Theorie.

Kognitive Therapie und Interpersonelle Psychotherapie bei Depressionen

In der Psychotherapieforschung geht es immer wieder darum herauszufinden, wie die verschiedenen existierenden Psychotherapieformen wirken und welche Therapieform am hilfreichsten ist.

Bei der Behandlung von Depressionen mit Psychotherapie sind unter anderem zwei Therapieformen besonders beliebt: die Kognitive Therapie und die Interpersonelle Psychotherapie.

Durch beide Therapien können Symptome von Depression nachweislich reduziert werden. Den Therapien liegen jedoch unterschiedliche Annahmen zugrunde:

  1. Die Grundannahme der Kognitiven Therapie (KT) ist, dass die Art und Weise zu denken sich darauf auswirkt, wie man sich fühlt und handelt. Das beinhaltet sowohl Gedanken, als auch Einstellungen, Bewertungen und Überzeugungen. In einer Depression sind diese oft negativ verzerrt, was zu Fehlern in der Bewertung führt, oder man handelt automatisch nach bestimmten negativen Grundannahmen bzw. Einstellungen. Einstellungen, die stark negativ sind und dazu führen, dass es der Person schlecht geht, werden dysfunktionale Einstellungen genannt. In der KT geht es darum, dass negative Denkmuster, z.B. dysfunktionale Einstellungen, erkannt und umgelernt werden.
  2. Bei der Interpersonellen Psychotherapie (IPT) wird davon ausgegangen, dass sich eine Depression innerhalb eines zwischenmenschlichen und psychosozialen Kontexts – also im Kontakt zu anderen Personen – entwickelt. Deshalb setzt die IPT in der Behandlung vor allem daran an, zwischenmenschliche Konflikte in der Vergangenheit der betroffenen Person zu erkennen und ihr Fertigkeiten zu vermitteln, besser mit solchen umzugehen. Hier werden Techniken verschiedener Therapieformen verwendet.

Neue Studie zu Wirkmechanismen in der Kognitiven und der Interpersonellen Psychotherapie

Auch, wenn eine generelle Wirksamkeit für beide Therapien nachgewiesen werden konnte, fehlen noch immer Studien zu den genauen Mechanismen und Prozessen, die zu einer Veränderung depressiver Symptome führen. In der vorliegenden Studie aus den Niederlanden wurde deshalb untersucht, wie die angenommenen Wirkmechanismen mit den Veränderungen der depressiven Symptome zeitlich zusammenhängen.

Die ForscherInnen unterschieden zwischen generellen und spezifischen Mechanismen. Als generelle Mechanismen untersuchten sie ein gutes „Arbeitsbündnis“ zwischen TherapeutIn und PatientIn, Stärkung des Selbstwertgefühls des/der PatientIn, sowie Reduktion von Grübeln. Als spezifischen Wirkmechanismus für die KT wurde eine Verbesserung von dysfunktionalen Einstellungen angenommen, und für die IPT eine Verbesserung von zwischenmenschlichen Problemen.

Die ForscherInnen nahmen an, dass sich zuerst eine Veränderung in diesen Aspekten ergeben würde und sich im Anschluss daran, die depressive Symptomatik insgesamt verbessern würde.

Sie untersuchten insgesamt 185 Personen mit Depressionen und teilten diesen zufällig eine der Therapieformen zu. Vier Wochen lang bekamen die PatientInnen eine wöchentliche Therapiesitzung, die nach den Manualen der jeweiligen Therapieform durchgeführt wurde.

Zu Beginn der Therapie, nach 3 Monaten und nach Abschluss der Therapie (nach insgesamt 7 Monaten) wurden jeweils die depressiven Symptome und die vermuteten Wirkmechanismen gemessen.

Nur geringfügige Unterschiede in den Wirkmechanismen der KT und IPT

Die Hauptergebnisse der Studie waren überraschend:

  1. KT und IPT waren gleichermaßen wirkungsvoll: Sowohl Personen, die mit kognitiver Therapie behandelt wurden, als auch Personen, die IPT bekamen, berichteten von signifikant reduzierten depressiven Symptomen – sowohl direkt nach der Therapie, als auch fünf Monate nach Abschluss der Therapie.
    Beide Therapien zeigten starke Effekte auf Grübeln, sowie mittlere Effekte auf den Selbstwert, zwischenmenschliche Probleme und dysfunktionale Einstellungen. Veränderungen in diesen Bereichen wurden vor allem ab dem dritten Monat nach Beginn der Therapien beobachtet. Erstaunlicherweise unterschieden sich diese Effekte nur geringfügig zwischen den beiden Therapieformen.
  2. Bei der IPT wurden Veränderungen bei zwischenmenschlichen Problemen bereits in den ersten drei Monaten der Behandlung sichtbar, bei der KT stellten sich diese Veränderungen erst in der zweiten Behandlungshälfte ein. Am Ende der sieben Monate gab es zwischen den Therapien jedoch keinen signifikanten Unterschied mehr.
  3. Über den Verlauf der Therapie hinweg hingen Verbesserungen in den Depressionswerten mit einer Verbesserung in den vermuteten Wirkmechanismen zusammen. Das bedeutet, dass Personen, die eine stärkere Verbesserung ihrer Depression wahrnahmen, auch eine stärkere Verbesserung in den Bereichen Grübeln, dysfunktionale Einstellungen, zwischenmenschliche Probleme und Selbstwert berichteten.
    Ein zeitlicher Zusammenhang wurde jedoch nur für einen vermuteten Wirkfaktor gefunden: Eine Verbesserung des Selbstwerts in der ersten Behandlungsphase hing mit einer Verbesserung der depressiven Symptomatik in der zweiten Behandlungsphase zusammen.

Fazit

Bei beiden Therapieformen wurden keine gravierenden Unterschiede in den Wirkmechanismen festgestellt, auch, wenn ihnen unterschiedliche Theorien zugrunde liegen. Beide Therapieformen haben zwar unterschiedliche Schwerpunkte – Veränderung kognitiver Einstellungen (KT) und Verbesserung zwischenmenschlichen Handelns (IPT) – jedoch scheinen sie auf indirektem Wege den Schwerpunkt der jeweils anderen Therapie auch zu verbessern.

Diese Ergebnisse sind spannend, sie beantworten jedoch nicht ganz die anfängliche Frage der ForscherInnen: Aus den Ergebnissen wird deutlich, dass sich bestimmte Faktoren innerhalb der Therapie gemeinsam mit depressiven Symptomen verändern. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, welche Mechanismen tatsächlich in der Psychotherapie wirken und zu einer Verbesserung der depressiven Symptomatik führen (mit Ausnahme der Verbesserung des Selbstwerts). Möglicherweise liegt das daran, dass die zeitlichen Abstände, in denen die Veränderungen gemessen wurden zu weit auseinander lagen. So konnten vermutlich stattfindende Veränderungsprozesse nicht ausreichend abgebildet werden. Z.B. entstehen Veränderungen oft plötzlich durch ein „Aha-Erlebnis“. Eine Veränderung in einem Wirkfaktor, z.B. Grübeln kann sofort Veränderung in depressiven Gefühlen nach sich ziehen, nicht erst nach 3 Monaten. In Zukunft sind deshalb weitere Studien notwendig, um die zeitlichen Zusammenhänge von bestimmten Mechanismen innerhalb der Therapie noch besser verstehen zu können und verschiedene therapeutische Ansätze vergleichen zu können.

 

Referenzen

Der Artikel zitiert die Studie:

Lemmens, L., et al., 2017. Exploring mechanisms of change in cognitive therapy and interpersonal psychotherapy for adult depression. Behaviour Research and Therapy, 94, 81-92. http://dx.doi.org/10.1016/j.brat.2017.05.005

Foto von Roman Kraft auf Upsplash

Bewerte diesen Artikel

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


CAPTCHA-Bild
Bild neu laden