Neue Ansätze für die Behandlung von Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung

Neue Ansätze für die Behandlung von Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung

Eine aktuelle Studie aus Berlin findet spannende neue Einsichten in das Gefühlsleben von Narzissten – und damit neue Ansätze für die Therapie. 

 

Emotionen bei Menschen mit Narzisstischer Persönlichkeitsstörung

Die allgemeine Meinung über Narzissten lautet, dass diese selbstverliebt und egoistisch seien. Völlig von sich überzeugt, unempathisch, nie im Unrecht, immer im Mittelpunkt. Das ist jedoch nur eine Seite. Schaut man etwas unter die Fassade erkennt man: Narzisstische Menschen sind leicht kränkbar und fühlen sich schnell angegriffen. Sie werden von einer großen Unsicherheit getrieben und sind deshalb ständig auf der Suche nach Bestätigung. In der psychologischen Wissenschaft werden diese „versteckten“ Eigenschaften von Narzissten als Verletzlichkeit (Vulnerabilität) bezeichnet. Wie diese genau aussehen und wodurch sie sich auszeichnen, wurde in verschiedenen Studien in Berlin untersucht. Mit dem Ergebnis: Ein geringer Selbstwert und impliziter Scham spielen eine große Rolle im Gefühlsleben von Menschen mit Narzisstischer Persönlichkeitsstörung.

In einer ersten Studie1 fand die Forschungsgruppe heraus, dass Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) im Vergleich zu Menschen ohne psychischer Störung, einen signifikant geringeren Selbstwert berichteten. Und das, trotz ihrer Tendenz, sich als „besonders großartig“ darzustellen. 

Aktuelle Studie: die Bedeutung von Scham

Da in verschiedenen Theorien zur Entstehung von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen das Gefühl von Scham immer wieder als zentrales Element angesehen wird, untersuchte Dr. Kathrin Ritter mit ihrem Team der Charité Berlin die Bedeutung von Scham bei Menschen mit NPS2.

Dabei unterschieden die AutorInnen zwei unterschiedliche Arten: expliziten und impliziten Scham. Expliziter Scham wird von den Personen bewusst empfunden und geschieht als Reaktion auf eine negative Bewertung. Impliziter Scham hingegen ist eine automatische Reaktion, die meist unbewusst abläuft.

In die vorliegenden Studie wurde eine Gruppe von Menschen untersucht, die mit einer narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurden. Als Vergleichsgruppen wurden einerseits Menschen ohne psychische Erkrankung gewählt, und andererseits Menschen mit der Borderline Persönlichkeitsstörung.

Expliziter Scham wurde anhand eines Fragebogens erhoben. Hier gaben die StudienteilnehmerInnen an, wie stark sie bestimmte Kennzeichen für Scham empfinden. Dabei wurden körperliche Symptome von Scham (z.B. erröten), soziale Symptome (z.B. sich verstecken wollen), sowie emotionale Symptome (das Schamgefühl) abgefragt.

Impliziter Scham wurde mit einem Test zu impliziten Assoziationen (IAT) erfasst, in dem gemessen wurde, wie sehr die TeilnehmerInnen sich selber mit Scham assoziierten. Um sicherzugehen, dass die NPS PatientInnen sich spezifisch mit Scham assoziierten und nicht nur generell mit negativen Emotionen, haben sie die Stärke des impliziten Schamgefühls im Verhältnis zu Ängstlichkeit gemessen.

Ergebnisse

Es zeigte sich, dass Menschen mit NPS signifikant mehr impliziten Scham empfanden (im Verhältnis zu ihrer Ängstlichkeit), als die Personen in den Vergleichsgruppen. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung gaben außerdem an, signifikant mehr expliziten Scham zu empfinden, als Menschen ohne psychische Diagnose. Sie empfanden aber weniger bewussten Scham, als Menschen mit der Borderline Persönlichkeitsstörung.

Das Empfinden von explizitem und impliziten Scham war unkorreliert. Sprich, Personen, die mehr expliziten Scham empfanden, fühlten nicht unbedingt mehr impliziten Scham oder anders herum.

Interpretation und Einordnung der Ergebnisse

Was bedeutet es, Scham zu empfinden? Scham entsteht, indem die Person ihr globales Selbst negativ bewertet, bzw. durch Abwertung durch Andere3,4. Scham ist ein Gefühl, dass als sehr unangenehm empfunden und deshalb häufig auch als „psychischer Schmerz“ bezeichnet wird.

Das Ergebnis, dass Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung implizit ihr Selbstkonzept mit Scham assoziieren, legt verschiedene Interpretationen nahe:

Menschen mit NPS scheinen sich schneller abgewertet zu fühlen und sich dadurch in ihrem Selbstwert bedroht zu fühlen, als „gesunde Menschen“. In vielen Fällen schützen sie ihren Selbstwert, indem sie Perfektion anstreben und versuchen, nie Fehler zu machen. Entsprechend haben sie meist eine sehr geringe Fehler-Toleranz, fühlen sich selbst durch kleine Fehler abgewertet und reagieren entsprechend schnell mit Scham.

Um zu verhindern, dass das „schmerzhafte“ Gefühl von Scham bewusst und damit quälend und selbstwertbedrohlich wird, wenden Menschen mit NPS verschiedene Regulationsstrategien an. Das kann z.B. eine externale Attribuierung bei Fehlern sein – also andere Personen oder äußere Umständen für eigenes Versagen verantwortlich zu machen. Oder Ärger zu empfinden, statt sich zu schämen. Weitere Regulationsstrategien von Menschen mit NPS können sein, sich selber zu „erhöhen“, z.B. indem sie ihre Erfolge „aufblasen“, oder Andere abzuwerten.

Mögliche Implikationen der Ergebnisse

Besonders interessant ist die Erkenntnis über die Relevanz des impliziten Schamgefühls bei NPS deshalb, weil dies von NPS PatientInnen selber oft nicht wahrgenommen wird, und in der Therapie oder der Diagnostik vernachlässigt wird.

Für die Diagnostik sind diese Erkenntnisse insofern relevant, als dass Scham bisher nicht als Diagnosekriterium gilt, jedoch v.a. in Abgrenzung zu anderen psychiatrischen Störungen, wie der Psychopathie hilfreich sein kann.

Die AutorInnen der Studie schlagen aufgrund ihrer Ergebnisse folgende Implikationen für die Therapie von Menschen mit NPS vor:

  1. Therapeutische Ansätze, die Scham bereits als wichtiges Thema in der NPS einbeziehen, können besser evaluiert werden.
  2. Unabhängig von bestimmten therapeutischen Ansätzen ist bei der Behandlung von NPS eine gute therapeutische Beziehung sehr relevant. Für die TherapeutInnen ist es also wichtig, besonders darauf zu achten, ihre NPS PatientInnen nicht zu beschämen. Es wird vermutet, dass NPS PatientInnen soziale Informationen oft negativer interpretieren, sodass TherapeutInnen besonders darauf achten sollten, keine Formulierungen zu wählen, die als negativ interpretiert werden könnten.
  3. Da impliziter Scham häufig unbewusst ist, ist eine vorsichtige Herangehensweise der TherapeutInnen wichtig, um ein Abwehren des Themas durch die PatientInnen zu verhindern.
  4. Hilfreich könnte des Weiteren sein, PatientInnen darüber aufzuklären, was Scham ist und was Gründe für hohes Schamempfinden sein können. So können die PatientInnen auch ein eigenes Entstehungsmodell für ihren Scham erarbeiten.
  5. Auf lange Sicht kann z.B. durch Exposition die Toleranz für Fehler erhöht und so Scham reduziert werden.

Insgesamt betonen die AutorInnen, dass das Thema Scham vorsichtig behandelt werden sollte und Behandelnde sich über die Möglichkeit Scham-bezogener suizidaler Krisen bewusst sein sollten. Dies sind Suizidgedanken, oder Suizidhandlungen, die aufgrund von extremer Scham auftreten.

Diese Implikationen sind erste Ideen, die aus den Ergebnissen gezogen wurden. Weitere Studien sind nötig, um diese zu bestätigen. Außerdem zeigt die Studie kleine Schwächen, die es zu beachten gilt: Zunächst ist es möglich, dass die Informationen über die TeilnehmerInnen mit NPS dadurch verzerrt sind, dass das Schamempfinden bei Personen, die sich Hilfe suchen und über ihre Diagnose in Kenntnis sind, anders ist, als bei Personen mit NPS, die nicht in Behandlung sind oder waren, also auch nicht an der Studie teilgenommen haben. Außerdem gilt der IAT zwar als Goldstandard für die Messung impliziter Assoziationen, jedoch kann die Messung aufgrund des Vergleichs der Assoziation des Selbst mit Scham zu der Assoziation des Selbst mit Angst nicht eindeutig interpretiert werden.

Fazit 

Zusammenfassend ist die Studie von Kathrin Ritter und KollegInnen insofern interessant, als dass sie die Relevanz von Scham in NPS empirisch bestätigt und die wichtige Unterscheidung zwischen implizitem und explizitem Scham vornimmt. Dies bildet einen weiteren Baustein, der zum Verständnis dieser komplexen Persönlichkeitsstörung beiträgt und damit sowohl eine genauere Diagnostik, als auch ein spezifisches Vorgehen in der Therapie ermöglicht.

 

 Referenzen

1Vater, A., Ritter, K., Schröder-Abé, M., Schütz, A., Lammers, C-H., Bosson, J.K., Roepke, S., 2013. When grandiosity and vulnerability collide: Implicit and explicit self-esteem in patients with narcissistic personality disorder. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry. 44(1), 37-47. https://doi.org/10.1016/j.jbtep.2012.07.001 

2Ritter, K., et al., 2014. Shame in patients with narcissistic personality disorder. Psychiatry Research, 215(2), 429-37. http://dx. doi.org/10.1016/j.psychres.2013.11.019  

3Lewis, 1971 

 4Tangney & Dearing, 2002  

Photo by Danny Kekspro on Unsplash 

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