Emotionsregulation als Ansatz für eine störungsübergreifende Therapie?

Emotionsregulation als Ansatz für eine störungsübergreifende Therapie?

Schwierigkeiten Emotionen auf eine funktionale Art und Weise zu regulieren, ist ein zentraler Aspekt bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen. In der vorliegenden Meta-Analyse betrachten ForscherInnen der Deakin University Australien die Bedeutung dessen und untersuchten Schwierigkeiten in der Emotionsregulation als ein störungsübergreifendes Thema. Sie plädieren: dysfunktionale Emotionsregulation könnte der Psychopathologie im Allgemeinen zugrundeliegen und könnte in einer störungsübergreifenden Therapie behandelt werden.

Was ist Emotionsregulation?

Emotionsregulation (ER) ist ein vielbeforschter Begriff. Zwei Ansätze sind besonders prominent:

  1. Das Prozess Modell der ER nach Gross, 1998: Emotionsregulation sind eine Reihe von Strategien, die Personen anwenden, um ihre affektive Erfahrung zu verstärken, aufrechtzuerhalten oder zu reduzieren. Affektive Erfahrung beinhaltet dabei emotionale Empfindungen, Verhalten und physiologische Reaktionen, die zu einem Gefühl gehören.
  2. ER als multidimensionales Konstrukt nach Gratz und Roemer, 2004. Hier wird ER über vier Aspekte definiert:
    1. Bewusstsein, Verständnis, und Akzeptanz von emotionaler Erfahrung
    2. Die Fähigkeit, zielführendes Verhalten durchzuführen und impulsive Reaktionen zu hemmen, wenn negative Gefühle empfunden werden
    3. Die Fähigkeit, Emotionen je nach Situation flexibel regulieren zu können und sich so an die Situation angepasst zu verhalten
    4. Die Bereitschaft, auch negative Emotionen zuzulassen und diese als wichtigen Teil des Lebens zu akzeptieren

Nach Gross gibt es Strategien, die eher adaptiv sind, also einen gesunden Umgang mit Gefühlen fördern, und welche, die eher schädlich sind und mit psychischen Störungen zusammenhängen.

Als schädliche (maladaptive) Strategien werden u.a. Grübeln, Gefühlsunterdrückung und Vermeidung angesehen.

Eher adaptive Strategien sind z.B. Akzeptanz, aktives Problemlösen, und kognitive Umbewertung.

Nach Gratz und Roemer, 2004, ist die ER dann dysfunktional, wenn mindestens einer der vier oben genannten Aspekte nicht erfüllt ist. Da bei diesem Ansatz nicht zwischen spezifischen Strategien unterschieden wird, sprechen Gratz und Roemer dann von allgemeiner Emotionsdysregulation (emotion dysregulation).

Meta-Analyse zu Emotionsregulation als störungsübergreifendes Konstrukt

Die AutorInnen der vorliegenden Studie nehmen an, dass dysfunktionale Emotionsregulation ein zentrales Konstrukt für die Aufrechterhaltung von Psychopathologie ist; und zwar störungsübergreifend. Sie vermuten deshalb, dass nach effektiver Therapie verschiedener psychischen Störungen, eine Veränderung in der ER auftreten sollte.

Sie untersuchten diese Hypothese in einer Meta-Analyse mit 67 klinischen Studien, in nach einer Therapie, sowohl Veränderungen in der ER, als auch in den psychiatrischen Symptomen gemessen wurden. Dabei wurden Angststörungen, Depression, Abhängigkeitserkrankungen, Essstörungen und die Borderline Persönlichkeitsstörung untersucht.

In 65 von 67 Studien zeigte sich, dass, nach einer Therapie, in der sich die psychiatrischen Symptome reduzierten, auch die Verwendung von maladaptiven ER oder die allgemeine Emotionsdysregulation reduzierten; unabhängig von der Art der Therapie oder der untersuchten Störung.

Interpretation der Ergebnisse

Die Idee, dysfunktionale ER als einen störungsübergreifenden Prozess anzunehmen, birgt verschiedene Implikationen:

  1. ER als Schlüsselelement für die Behandlung anzusehen und ER direkt anzusprechen kann über verschiedene Störungen hinweg die Psychopathologie reduzieren
  2. So könnten Komorbiditäten besser gleichzeitig adressiert werden und Personen mit komplexen psychischen Störungen möglicherweise effizienter behandelt werden
  3. Die AutorInnen weißen auf einen möglicherweise stattfindenden Paradigmawechsel hin: Psychopathologie könnte auf einer höheren Ebene, unabhängig von der spezifischen Störung, verschiedene Faktoren einschließen. z.B. Emotionsregulation, aber auch Aufmerksamkeitsbias oder Sensitivität für Ängstlichkeit.

Hier sind jedoch weitere Studien nötig, die diese Zusammenhänge direkt untersuchen.

 

Referenzen

Der Artikel zitiert die Studie:

Sloan, E., et al., 2017. Emotion regulation as a transdiagnostic treatment construct across anxiety, depression, substance, eating and borderline personality disorders: A systematic review. Clinical Psychology Review, 57, 141–163

Photo by Chris Lawton on Unsplash 

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