Achtsamkeit – ein überschätzter Trend?

Achtsamkeit – ein überschätzter Trend?

„Achtsamkeit“ ist in aller Munde. Im Internet häufen sich Videos, Blogs und Homepages zu diesem Thema, in Buchgeschäften stehen die Regale voll Ratgeber. Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor an der University of Massachusetts Medical School, spricht sogar von einem Wandel innerhalb der westlichen Kultur, da immer mehr Menschen Achtsamkeit und andere Meditationsformen/Yoga praktizieren. Auch in der psychologischen Forschung erfährt das Thema Achtsamkeit seit ca. fünfzehn Jahren viel Aufmerksamkeit1.

Doch was ist Achtsamkeit eigentlich und was sind seine Effekte?  

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit wird als ein Seienszustand definiert, in dem das Individuum seine Aufmerksamkeit auf die Ereignisse lenkt, die in dem aktuellen Moment stattfinden, ohne diese zu bewerten, sondern sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Dieser Zustand kann sowohl in Meditation, als auch im Alltag erreicht werden2.

Seinen Ursprung hat Achtsamkeit im Buddhismus und wird auch als das Herzstück der Buddhistischen Meditation bezeichnet3. 

Achtsamkeit besteht aus zwei Hauptkomponenten:

  1. Die erste Komponente ist die Offenheit für Erfahrungen. Das bedeutet in der Meditation eine neugierige Haltung zu haben und zu beobachten, wohin die Gedanken wandern, wenn diese abschweifen. Dabei wird nicht versucht ein bestimmtes Ziel zu erreichen, z.B. Entspannung oder die Veränderung der Gefühle, sondern diese wahrzunehmen und zu akzeptieren – also offen für sie zu sein4. Indem man sich, auch im Alltag, auf aktuelle Erfahrungen konzentriert, wird es möglich Gedanken, Gefühle und Eindrücke, in dem Moment in dem sie auftauchen, zu registrieren und zu spüren. Dabei wird nicht in einem Zustand verharrt, sondern ein gegenwart-orientiertes Bewusstsein entwickelt, um von Moment zu Moment gewahr zu sein, wie sich diese inneren Prozesse verändern5. 
  2. Die zweite Komponente ist, aktiv die Aufmerksamkeit zu lenken4. Dies wird in der Meditation geübt, indem die Aufmerksamkeit zum Atem zurück gelenkt wird, wenn die Gedanken abschweifen. So findet keine weitere Verarbeitung der Gedanken statt und gleichzeitig wird Gedankenunterdrückung vermieden. Ziel ist es, in der Meditation und im Alltag, die Ereignisse im Körper und Geist zu erfahren, ohne über sie nachzudenken oder zu ergründen, wo sie herkommen5 

 

Praktizieren von Achtsamkeit

Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die alle Menschen lernen können. Auch, wenn Forscher davon ausgehen, dass die Gene und Umwelteinflüssen eine Rolle spielen6,7. Kabat-Zinn beschreibt Achtsamkeit als:  

„eine Kunst, die man über die Zeit entwickelt und die durch regelmäßiges und diszipliniertes Üben (informell und formell) gesteigert werden kann“.  

Das formelle und regelmäßige Ausüben dieser Meditationsform ist dabei genauso wichtig, wie die Anwendung im alltäglichen Leben. In dem meditativen Training wird geübt, die Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten und alle körperlichen und geistigen Erlebnisse, z.B. Gedanken oder Müdigkeit, wahrzunehmen. Sollten die Gedanken abschweifen, wird versucht den Atem als Anker zu verwenden und die Aufmerksamkeit wieder auf diesen zu richten. Dabei soll eine intentionale, offenherzige Präsenz und verzögerte Beurteilung und Ablenkung angestrebt werden. 

Das Praktizieren von Achtsamkeit im Alltag soll ein kontinuierliches Bewusstsein für „das, was da ist“ schaffen und auch hier steht der aktuelle Moment im Mittelpunkt (z.B. beim Arbeiten, Geschirrspülen etc.), statt die Vergangenheit oder Zukunft. 

 

Wie wirksam ist achtsamkeitsbasiertes Training?

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Achtsamkeitsbasiertes Training besonders für Menschen, die unter Stress, Depressionen oder Angststörungen leiden, hilfreich ist und das Wohlbefinden deutlich steigern kann8. 

Warum? 

Zum einen kann das emotionale Bewusstsein durch die ständige Beobachtung und Wahrnehmung der inneren Prozesse gesteigert werden9. Die Praktizierenden können Zusammenhänge zwischen Handlungen, Gefühlen und Gedanken besser sehen und diese als subjektiv und vergänglich erkennen. Zum anderen ist „nicht-Bewertung“ von Geschehnissen, bzw. Akzeptanz ein wichtiger Bestandteil. Die Akzeptanz der eigenen Gefühle führt dazu, dass negative Gefühle als weniger bedrohlich empfunden werden und somit weniger Belastung durch z.B. Trauer/Wut/Angst empfunden wird. 

Außerdem reduziert Akzeptanz die Tendenz zu Grübeln, Situationen werden als weniger stressvoll wahrgenommen und es werden weniger schädliche Strategien zur Bewältigung von Stress (z.B. Alkoholkonsum) angewendet9. 

Aufgrund der Wirksamkeit von Achtsamkeit, werden Achtsamkeitstechniken häufig in Verhaltenstherapien integriert.  

Aber Achtung! 

In schweren Krisenfällen oder bei psychotischen Symptomen ist Meditation oft nicht ratsam, weil sie Gefühle von Anspannung durch den Fokus auf das Innere erhöhen können. 

Fazit 

Eine Vielzahl an Studien zeigt, dass das Praktizieren von Achtsamkeit positive Effekte auf das Wohlbefinden hat. Sowohl körperliche, als auch psychische Symptome von Stress können reduziert werden und auch bestimmte Symptome psychischer Störungen können durch achtsamkeitsbasierte Interventionen verringert werden. 

 

Referenzen 

1Kabat-Zinn, J. (2003). Mindfulness-Based Intervention in Context: Past, Present and Future. Clinical Psychology: Science and Practice, 10, 144-156. 

2Bear, R. A., Smith, G. T., Hopkins, J., Krietemeyer, J., & Toney, L. (2006). Using self report assessment methods to explore facets of mindfulness. Assessment, 13, 27-45. 

3Thera, N. (1962). The guide: according to Kaccāna. London: Luzac 

4Bishop, S. R., Lau, M., Shapiro, S., Carlson, L., Anderson, N. D., Carmody, J.,… Devins, G. (2004).  Mindfulness: A proposed operational definition. Clinical Psychology: Science and Practice, 11, 230-241. 

5Brown, K. W., Ryan, R. M., Creswell, J. D. (2007). Mindfulness: Theoretical foundations and evidence for its salutory effects. Psycgological Inquiry, 18, 211-237. 

6Brown, K. W. & Ryan, R. M. (2003). The benefits of being present: Mindfulness and its role in psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 84, 822-848. 

7Davidson, R. J. (2010). Empirical explorations of mindfulness: Conceptual and methodological conundrums. Emotion, 10, 8-11. 

8Khoury, B., Lecomte, T., Fortin, G., Masse, M., Therien, P., Bouchard, V., Chapleau, M.-A., Paquin, K., & Hofmann, S. G. (2013). Mindfulness based therapy: A comprehensive meta-analysis. Clinical Psychology Review, 33, 763-771. 

Khoury, B., Lecomte, T., Gaudiano, B. A., & Paquin, K. (2013). Mindfulness interventions for Psychosis: a meta-analysis. Schizophrenia Research, 150, 176-184.  

9Weinstein, N., Brown, K. W., & Ryan, R. M. (2009). A multi-method examination of the effects of mindfulness on stress attribution, coping, and emotional well-being. Journal of Research in  Personality, 43, 374-385. 

https://www.youtube.com/watch?v=gQfKpPpOxBM 

 Photo by Daniel Mingook Kim on Unsplash 

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